

Sex, Wahrheit und TV
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Wie der Mob auch heute noch in das Leben dritter eingreiftWas ist für den Deutschen das Schlimmste, was ihm passieren kann? Staatsverschuldung? Konkurs? Auto kaputt?Ja das auch, aber eigentlich ist das absolut allerschlimmste Schicksal unserer Neuzeit die Tatsache, dass man vom Partner "betrogen" wird/wurde. Der nichtgenehmigte Beischlaf mit einem anderen Individuum, ist der absolute Super-GAU für jede anständige "Beziehung". Ja, eine Beziehung ist das wichtigste in unserer Gesellschaft, ein Statussymbol für unsere Zivilisation, ein Bollwerk der Menschlichkeit, das uns von den Tieren unterscheidet. Egal ob man Alkoholiker, Drogenabhängiger, fett wie eine Tonne oder hässlich wie die Nacht ist, durch eine "Beziehung" erlangt man gesellschaftliche Akzeptanz und Beachtung. Schlimm, wenn in dieser "Beziehung" die mündliche und/oder schriftliche Vereinbarung nicht eingehalten und das Gebot, welches lautet "Du gehörst mir, NUR MIR!!!", gebrochen wird. Weil aber Familiengerichte lediglich über staatlich subventionierte und registrierte Beziehungen wachen, wurde eine kleinere, effektive Instanz der judikativen Gewalt eingerichtet: Die "Talkshow". Die Talkshow besteht aus einer Jury, die "Publikum" genannt wird, sowie einem vorsitzenden Richter, auch "Moderator" genannt. Wahlweise existiert neben dem Moderator auch ein zweiter, fast ebenbürtiger Vorsitzender, der sich "Psychologe" schimpft und seine uralten Weisheiten und genialen Ratschläge auf die Menschheit loslässt. Die geistigen Ergüsse des Psychologen sind lediglich Vorschläge an Ankläger und Beklagter, wie diese in Zukunft ihr Problem regeln könnten. Selbstverständlich sind mehrere Semester intensiven Studiums notwendig um festzustellen, dass einer, der "seine Frau betrügt", sie "in Ruhe lassen" sollte, falls diese das wünscht. Sollten die Vorschläge dieses Auserwählten wider Erwarten nicht fruchten, spricht der Moderator später ein Machtwort, indem er genau das gleiche Gesülze wiederholt und somit "rechtskräftig" beschließt. Der Ablauf dieser Verhandlung, die übrigens live im TV übertragen wird (und die ich mir auf dem Gerät meiner Eltern ansehen durfte), spielt sich folgendermaßen ab: Der mutmaßliche Fremdgeher, wird unter dem strengem Blick der "Jury" (Publikum) den Saal betreten und auf dem Anklagestuhl Platz nehmen. Es folgt eine vorläufige Befragung durch den Moderator und anschließend wird die Klägerin hereingelassen. Nach deren Ankunft wird die Befragung seitens des Vorsitzenden weitergeführt. Der mutmaßliche Beziehungsstraftäter muss sich nun einem Verhör unterziehen, in dem er sich peinlichen Fragen zu unterziehen hat. Wie bei jedem anderen Gericht ist er auch hier zur Wahrheit verpflichtet. Anders als beim Strafgericht, hat er nicht das Recht zu schweigen. Schweigt er, so wird die Beziehung sofort von der Jury aufgelöst und als beendet erklärt. Dies führt die Exekutive der Talkshow mit lauten Buh-Rufen und penetrantem Geklatsche durch; eine schreckliche Prozedur. Der Angeklagte hat also ein Interesse daran, heil aus der Sache heraus zu kommen. Das ist aber nicht so einfach, denn die nervigen, intimen Fragen, die er dem Moderator beantworten muss, werden von einer super modernen, hochtechnologischen Höllenmaschine überwacht; dem Lügendetektor der Talkshow! Speziell für diese neue Art des Schnellgerichts wurde eine hochempfindliche Maschine konstruiert, die sofort zeigt, ob der Angeklagte lügt oder nicht. Ein Lügendetektor, auch "Polygraph" genannt, misst kontinuierlich körperliche Parameter, wie zum Beispiel Blutdruck, Puls und Atmung. Die Grundidee ist, dass jemand der lügt nervös wird und schneller atmet oder einen höheren Puls und Blutdruck bekommt. Diese Daten, die das Gerät ausgibt, werden dann von einem "Polygraphisten" interpretiert. Natürlich gibt es immer noch Spezies, die der Meinung sind, dass dieses Gerät fehlerhafte Ergebnisse liefert. Das lässt der vorsitzende Moderator aber nicht durchgehen: "Wir haben nichts an dem Lügendetektor gedreht, sondern es von Experten messen lassen! Und das ist dein Ergebnis!", konterte die zuständige Moderatorin einer Talkshow, nachdem ein Querulant es wagte Einspruch gegen das "polygraphe" Urteil einzulegen. Schließlich habe die Maschine immer Recht, denn wie wir ja wissen machen Computer keine Fehler... Der Lügendetektor zeigte mit seinem Messergebnis, dass der mutmaßliche Fremdgeher zum Zeitpunkt der Befragung sehr nervös war. Er hatte bei bestimmten Fragen einen höheren Puls und transpirierte etwas stärker als gewöhnlich. Nun möge der Ketzer einwenden, dass vielleicht jeder etwas nervös wäre, wenn er an einen Blechkasten angeschlossen wird, der über die Zukunft seiner "super wichtigen Beziehung" entscheidet. Solche Einwände duldet die Moderatorin aber nicht, die mit der Dominanz eines Inquisitors ihren Sitzungssaal (Studio) beherrscht. Es ist auch vollkommen egal, dass letztendlich der "Polygraphist" aus dem niedergeschriebenen Strichgewirr der Maschine deutet, was nun eine Lüge und was lediglich natürliche Nervosität ist. Es spielt keine Rolle, dass dies im Grunde eine subjektive Auswertung eines objektiven Ergebnisses ist und somit die Beweiskraft eines modernen Märchens hat. Ebenso egal ist es, dass aufgrund dieser Tatsachen der Lügendetektor keinerlei Beweiskraft vor einem echten deutschen Gericht hat. In der Talkshow ist er das Orakel, dem die Moderatorin bedingungslos gehorcht. Die eigentliche Frage die bleibt ist, warum soviel Volksverdummung im Fernsehen nicht verboten wird und warum es immer noch Menschen gibt, die ihre Angehörigen in eine Talkshow schleifen, um sich der Willkür eines grenzdebilen Mobs und einer nervigen Moderatorin zu unterziehen. |

