STEVEN INFERNO
STEVEN INFERNO
Kopf
Amokläufer

Die wahren Gründe

Was sind die Gründe für solche Taten? Killerspiele? Drogen? Manchmal sind Antworten auf bestimmte Fragen viel einfacher, als man glaubt...

Die Subkultur an Schulen

An den Schulen in Deutschland herrscht jeweils eine eigene Subkultur. Die klassische und elementarste aller Kulturen: Eine sog. Hackordnung. "Gods" und "Dogs", die Ranghöchsten und die Rangletzten. Während ihrer Schulzeit haben Kinder und Jugendliche nur ein primäres Ziel: Auf der Rangleiter nach oben klettern, sich von den "Dogs" lösen und näher an die "Gods" heranrücken. Wer nun genau zur Gruppe der "Gods" gehört, bzw. sie definiert, ist von Schule zu Schule verschieden. An Schulen in sozialen Brennpunkten könnten dies zum Beispiel die besonders kaltblütigen und kriminellen Jugendlichen sein, an Schulen in sogenannten "Nobelvierteln" wohl eher die besonders reichen und privilegierten Schüler. Bei ersteren würde die Entschlossenheit, das typische "Gangster-Gehabe" (bekannt aus Rap-Videos) und körperliche Überlegenheit anderen gegenüber die Abgrenzung der "Gods" ausmachen. Bei letzteren wären es wohl Designerklamotten und Markennamen, die den Unterschied definieren.

Ein Lehrer, der diesen Text liest, sollte nun definieren können, wer an seiner Schule wohl zu den "Gods" und wer zu den "Dogs" gehört. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, wie sich eine angebliche "Elite" an einer Schule bilden kann. Natürlich hat "Elite" hier nichts mit besonderen Leistungen zu tun. Es geht mehr darum, wieviele Schüler irgendetwas an einer Schule als Besonderheit anerkennen. Ein etwas zeitlich überholtes, aber leicht verständliches Beispiel hierfür: "Wer raucht ist cool.", war irgendwann einmal der Slogan. Nun braucht man nur die Zigarrette gegen etwas anderes tauschen und weiß, wie sich "Gods" definieren: Wer sich nichts sagen lässt ("Gangsta-sein") ist "cool", wer Lehrer respektlos behandelt ist "cool", wer andere schlecht behandelt ist "hart" und hart sein ist "cool". Oder nehmen wir das Nobel-Gymnasium: Wer reiche Eltern hat ist "cool", wer Markenklamotten trägt ist "cool", wer gut aussieht und Mitglied im Tennisclub ist, ist "cool". Liebe Lehrer: Schaut euch eure Schüler an und sucht nach den Kriterien. Diese beiden Beispiele sind zwei Extreme, die nur als Anschauung dienen. Die meisten Schulen treffen sich hier irgendwo in der Mitte. Das eigentliche Prinzip ist jedoch immer gleich.

Das Leben eines "Dog"

Zum "Dog" wird man, wenn man nicht "dazugehört". Wenn man kein "Gangsta" ist oder keine Markenklamotten trägt. Halt einfach, wenn man von den "Gods" abgelehnt wird, warum auch immer. Es findet sich immer ein Grund, einen anderen Menschen abzulehnen. Nun stellt euch die Treppe vor; vom "Dog" zum "God". An einer Schule gibt es viele "Dogs", die unterschiedlich oft und stark angegangen werden. Der "Dog" wird stets veralbert, ignoriert, gehasst, gehänselt, behindert, sobotiert oder auch geschlagen. Meistens von den "Gods", aber auch von anderen "Dogs". So sind die Menschen. Wir erinnern uns, dass das primäre Ziel des "normalen Dogs" ist, sich nach oben zu arbeiten und den "Gods" zu gefallen (bzw. natürlich selber einer zu werden). Dafür tut er alles. Er stört z.B. den Unterricht (obwohl er vorher ein Musterschüler war), er klaut Markenklamotten (auch wenn er dafür in den Knast muss), er würde sich sogar gelb anmalen. Alles nur um ein wenig höher zu rutschen und den "Gods" zu gefallen. Und natürlich quält er auch andere "Dogs", um ihnen zu gefallen. Dadurch rutscht er höher und wird den eigentlichen Störenfrieden dieser Subkultur immer ähnlicher - wenn er es schafft. "Dogs" verbünden sich also nicht gegen die "Gods", was zugegebenermaßen eine unlogische Verhaltensweise ist. Ein "Dog" der sich nicht anpassen will oder kann, ist somit das gefundene Fressen für fast jeden in dieser Subkultur. Er kriegt es also von allen Seiten gleichzeitig, denn er steigt niemals auf.

Der "Dog", der sich dem "God" nicht angleicht

So einer war ich während meiner Schulzeit. Ihr könnt also davon ausgehen, dass alles was ich hier ezähle Informationen aus erster Hand sind. Ein "Dog" der sich dem "God" nicht angleicht, wird vom Kollektiv dieser Subkultur gehasst, ausgelacht und von anderen "Dogs" als Zielscheibe benutzt, damit diese auf dem Rang-Treppchen ein wenig höher kommen. An meiner Schule damals gab es keine körperliche Gewalt, denn ich war Schüler eines Gymnasiums mit haufenweise Ärzte- und Lehrerkindern. Diese präsentierten sich an der Oberfläche also stets politisch und juristisch korrekt, so wie es sich für zukünftige Politiker und Manager auch gehört. Das wahre Gesicht blieb verborgen. Gelästert wurde somit nur hinter dem Rücken. Nun hat mich das damals so gut wie gar nicht interessiert, denn ich sah mich selbst nicht einmal als Teil der besagten Subkultur an. Ich wollte kein "God" werden. Und ich wollte mit aalglatten und scheinheiligen Upperclass-Kiddies auch nicht befreundet sein. Stattdessen fand ich Gefallen an der Rolle des "Dog" und spielte dann den "BadBoy" der Schule (wie Wilhelm Busch sagte: "Ist der Ruf erst runiert, lebts sich gänzlig ungeniert.") Ich war der den alle gehasst haben, den aber jeder dulden musste. Ob er wollte oder nicht. Die Zeit war echt zum Totlachen, vor allem als ich meinen finanziellen Beitrag zum "Abiball, -buch, -shirt" verweigerte und deswegen eine ca. 155 cm große "Abiball-Organisatorin" indirekt folgendermaßen drohte: "Die, die noch nicht bezahlt haben, bezahlen das. Sonst tret ich denen in den Arsch!". Herrlich. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt hoch genug hätte treten können, um mein Gesäß zu erreichen. Natürlich bezahlte ich nicht und natürlich blieb ich auch sonstigen Veranstaltungen fern (richtig; um die "Gods" nicht zu belästigen *g*), wie sich das für den absoluten "Oberdog" gehört. Das war meine Story. Es soll aber auch durchaus "Dogs" geben die sich anpassen wollen, aber nicht können. Sie schaffen es nicht. Und es frustriert sie, was uns zum eigentlichen Thema zurückbringt: Warum läuft ein Schüler Amok?

Der "Dog" der keinen Ausweg sieht

Mir persönlich war es egal, dass ich ein "Dog" war. Die Rolle des Außenseiters und "BadBoys" gefiel mir sogar. Was aber, wenn jemand dazugehören möchte und von der Subkultur abgelehnt wird? Wir erinnern uns; für den gemeinen Schüler ist es das wichtigste, an einer Schule zu den "Gods" zu gehören. Also beliebt zu sein und das dortige gesellschaftliche Leben zu pflegen. Eric Harris und Dylan Klebold gehörten nicht dazu, obwohl es offensichtlich ihr größter Wunsch war. Die "Gods" an der Columbine Highschool waren die sogenannten "Jocks"; gutaussehende Sportlertypen. Eric und Dylan wurden von ihren Mitschülern gedemütigt und abgelehnt. Das "Columbine-Massacre" ist sozusagen das "Bilderbuch-Beispiel" für einen, durch eine im Grunde unwichte "Hackordnung" provozierten, Amoklauf. Diejenigen, die dazu gehören wollen, die Freunde haben wollen, die Anerkennung wollen und dies einfach nicht erreichen können (warum auch immer), projizieren ihren Hass und ihre Verzweifelung irgenwann gegen ihre Peininger. Unter Umständen kommt es dann zur Katastrophe, wie man in Colombine gesehen hat. Ein wesentliches Indiz für die vom Amokläufer subjektiv gesehene Ausweglosigkeit ist der anschließende Suizid. Er richtet sich selber, da aus seiner Perspektive heraus ein Versagen in jener Subkultur das Ende bedeutet. Und da er sich trotz des Hasses gegen seine Peiniger auch sich selbst dafür verantwortlich macht, dass er gedemütigt und ausgestossen wurde. Für ihn ist der Hass und die Verzweifelung primär im Vordergrund und die Tat selbst verblasst somit in Bedeutungslosigkeit.

Nicht jeder "Dog", der von dieser Subkutur gedemütigt wird, wird automatisch zum Amokläufer (sonst würde es ja viel mehr Fallbeispiele geben). Es ist anzunehmen, dass ein Großteil der Suizide von Jugendlichen ebenfalls auf diese "Hackordnung" zurückzuführen ist (neben "Liebeskummer"). Manche projizieren den Hass also nicht gegen ihre Peininger, sondern gleich gegen sich selbst.

Wer ist schuld?

Zum einen ist natürlich der Amokläufer selbst schuld; denn er kümmert sich viel zu sehr um eine völlig belanglose und unwichtige Subkultur (nämlich die künstlich geschaffene Subkultur seiner Mitschüler). Darüberhinaus ist jeder für das verantwortlich, was er tut und es gibt andere Lösungen so eine Situation zu ändern, wenn man denn gar nicht mit ihr klar kommt. Zum anderen sind aber auch die Erschaffer dieser Subkultur schuld; die "Gods". Es ist natürlich mehr als fraglich, ob selbige sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie der Ursprung sind. Zusammenfassend kann man nur sagen, dass diejenigen die andere gerne grundlos demütigen, veralbern, lächerlich machen oder sogar körperlich angreifen, den Grundstein für eine kaputte Gesellschaft legen. Und nur in so einer Gesellschaft kommt es vermehrt zu Suizidversuchen oder sogar Amokläufen.